Auf Marktplätzen verkaufen: Amazon, Etsy, Ricardo und Co. als Vertriebskanal
Du stellst handgemachte Kerzen her, baust Möbel nach Mass oder verkaufst selbst gerösteten Kaffee. Deine Produkte sind gut. Aber niemand findet sie. Dein Instagram-Account hat 200 Follower, dein Online-Shop dümpelt vor sich hin, und auf der letzten Messe hast du mehr Visitenkarten verteilt als Ware verkauft.
Das Problem ist selten das Produkt. Es ist die Reichweite. Und genau hier kommen Online-Marktplätze ins Spiel.
Warum Marktplätze funktionieren
Stell dir einen Marktplatz wie einen riesigen Wochenmarkt vor – nur digital, rund um die Uhr geöffnet und mit Millionen von Besuchern. Du mietest einen Stand (dein Verkäuferkonto), stellst deine Produkte hin und profitierst vom Kundenverkehr, den die Plattform für dich generiert.
Das heisst: Die Kunden sind schon da. Du musst sie nicht erst mühsam auf deine eigene Seite lotsen. Du stellst dich dorthin, wo sie bereits einkaufen.
Welcher Marktplatz passt zu dir?
Nicht jeder Marktplatz ist für jedes Produkt der richtige. Die Wahl hängt davon ab, was du verkaufst, wer deine Zielgruppe ist und wo du sitzt.
Amazon (inkl. Amazon Handmade) – Der Platzhirsch. Riesige Reichweite, extrem professionelle Infrastruktur mit Fulfillment by Amazon (FBA). Eignet sich für standardisierte Produkte, aber auch für Handgemachtes über die Handmade-Sparte. Nachteil: Hohe Gebühren (8–15 % plus Abo-Kosten), enormer Wettbewerb und strenge Richtlinien.
Etsy – Die erste Adresse für alles Handgemachte, Vintage und Kreative. Wenn du Schmuck, Keramik, Drucke, Strickwaren oder personalisierte Geschenke verkaufst, ist Etsy dein Ort. Gebühren liegen bei rund 6,5 % plus Einstellgebühr (0.20 USD pro Listing). Die Community ist stark, aber du brauchst gute Fotos und kluge Titel.
Ricardo.ch – Für den Schweizer Markt unverzichtbar. Funktioniert als Auktions- und Sofortkauf-Plattform. Besonders stark bei Secondhand, Sammlerstücken, Elektronik und regionalen Produkten. Gebühren ab 9 % je nach Kategorie. Vorteil: Weniger internationaler Wettbewerb als bei Amazon.
Tutti.ch / Anibis.ch – Eher für Gelegenheitsverkäufe und lokale Angebote. Kostenlos oder günstig, aber weniger professionell. Kann für Handwerker funktionieren, die lokale Dienstleistungen oder einzelne Produkte anbieten.
Allegro, Bol, Kaufland – Wer in den Nachbarländern verkaufen will, findet dort starke regionale Marktplätze. Allegro dominiert in Polen, Bol in den Niederlanden und Belgien, Kaufland (ehemals real.de) wächst in Deutschland.
Handgemacht und kreativ? Etsy. Massenprodukte mit schnellem Versand? Amazon. Schweizer Markt, Nische oder regional? Ricardo. Du bist unsicher? Starte auf einer Plattform, lerne die Mechanismen, und erweitere dann.
Was du brauchst, bevor du loslegst
Bevor du dein erstes Produkt online stellst, solltest du ein paar Hausaufgaben erledigen. Sonst verpufft dein Einstieg.
Gute Produktfotos. Auf Marktplätzen entscheidet das Bild. Nicht der Text, nicht der Preis – das Bild. Investiere in saubere, helle Aufnahmen mit weissem oder neutralem Hintergrund. Zeig Details, zeig das Produkt im Einsatz, zeig die Grösse im Verhältnis.
Klare Produktbeschreibungen. Schreib, was dein Produkt kann, woraus es besteht und für wen es gedacht ist. Vermeide blumige Lyrik. Ein Käufer auf Amazon will wissen: Material, Masse, Lieferumfang, Pflegehinweise. Punkt.
Preiskalkulation mit Gebühren. Hier scheitern die meisten. Du verkaufst ein Produkt für 40 Franken, zahlst 12 % Gebühren, 3 % Zahlungsabwicklung, 5 Franken Versand – und plötzlich bleiben dir 25 Franken. Davon gehen noch Material und Arbeitszeit ab. Rechne rückwärts: Was muss am Ende übrig bleiben? Dann bestimmst du den Verkaufspreis.
Versandlösung. Kunden auf Marktplätzen erwarten schnellen Versand. Überleg dir, ob du selbst verschickst oder einen Fulfillment-Dienst nutzt. Für Amazon gibt es FBA, aber auch unabhängige Anbieter wie Swisslog oder lokale Logistiker.
Die häufigsten Fehler beim Einstieg
Ich sehe immer wieder die gleichen Muster bei Leuten, die auf Marktplätzen starten und nach drei Monaten frustriert aufgeben.
- Zu viele Plattformen gleichzeitig: Starte mit einer. Lerne die Algorithmen, die Kundenerwartungen, das Bewertungssystem. Dann expandiere.
- Preise zu tief ansetzen: Um schnelle Verkäufe zu erzwingen, verkaufst du unter Wert. Damit trainierst du Kunden auf billig – und verdienst nichts.
- Bewertungen ignorieren: Auf Marktplätzen sind Bewertungen deine Währung. Bitte zufriedene Kunden aktiv um eine Bewertung. Reagiere professionell auf Kritik.
- Kein eigenes Branding: Nur weil du auf Amazon verkaufst, heisst das nicht, dass du austauschbar sein musst. Nutze Markenregistrierung, eigene Verpackung und Beilagen.
- Lagerbestand vergessen: Nichts killt dein Ranking schneller als „ausverkauft". Plane deinen Bestand voraus.
Marktplatz und eigener Shop – kein Widerspruch
Ein häufiges Missverständnis: „Wenn ich auf Amazon verkaufe, brauche ich keinen eigenen Shop." Oder umgekehrt: „Ich hab einen Shop, warum sollte ich auf einen Marktplatz?"
Die Antwort: Beides ergänzt sich. Der Marktplatz bringt dir Sichtbarkeit und neue Kunden. Dein eigener Shop bringt dir Unabhängigkeit und höhere Margen. Smarte Verkäufer nutzen den Marktplatz als Einstiegspunkt – und leiten Stammkunden dann auf den eigenen Shop um (soweit die Plattformregeln das erlauben).
Denk daran: Auf einem Marktplatz gehört der Kunde der Plattform, nicht dir. Du bekommst keine E-Mail-Adresse, du kannst nicht direkt nachfassen. Das ist ein Nachteil, den du langfristig mit einem eigenen Kanal ausgleichen solltest.
Steuern und Rechtliches – kurz und schmerzlos
Auch auf Marktplätzen gelten die normalen Regeln. Du brauchst ein angemeldetes Gewerbe (oder bist bereits selbstständig), musst Rechnungen stellen und die Mehrwertsteuer korrekt abführen. Seit 2025 melden Plattformen in der EU deine Umsätze automatisch an die Steuerbehörden (DAC7-Richtlinie). In der Schweiz gelten ähnliche Transparenzpflichten.
Ausserdem musst du auf den meisten Plattformen ein Impressum angeben und – je nach Zielmarkt – Widerrufsbelehrung und AGB bereitstellen. Das klingt nach viel, ist aber einmalig aufzusetzen.
Lohnt sich das für dich?
Kurze Antwort: Ja – wenn du es richtig angehst. Marktplätze sind kein Selbstläufer. Du brauchst gute Produkte, saubere Kalkulation und die Bereitschaft, dich in die Mechanismen der Plattform einzuarbeiten. Aber sie bieten etwas, das die meisten kleinen Unternehmen nicht alleine aufbauen können: Zugang zu Millionen potenzieller Kunden, ohne ein Marketingbudget von zehntausend Franken.
Fang mit einer Plattform an. Stell fünf bis zehn Produkte ein. Optimiere deine Listings über die ersten Wochen. Schau, was funktioniert. Und dann entscheide, ob du ausbaust.
Der Marktstand ist frei. Du musst nur hinstehen.